Comic Review: Providence #01

https://2.bp.blogspot.com/-FPNupn24eWI/VsA7bGzsJxI/AAAAAAAAC8s/zsvbTBYdj2k/s1600/Providence%2BCover%2BJacenBurrows%2BAlanMoore.jpg
(Copyright: Avatar Press)
Was für eine Woche… der frisch eingegossene Whisky lässt sein Aroma angenehm über den Glasrand hinaus gleiten. Über die Kopfhörer dröhnt das Black Earth Album von Bohren & der Club of Gore (klick) und ich mache mir Gedanken über das Comic, welchem ich in den letzten Tagen die meiste Aufmerksamkeit schenkte.
Eine morbide Stimmung könnte man meinen. Aber es geht ja auch um das neuste Werk des bärtigen Hexenmeisters aus Northampton, denn Alan Moore hat eine Geschichte zu erzählen. Und wenn Moore etwas zu erzählen hat, ist alles still… und jeder lauscht andächtig seinen Worten. Zusammen mit Zeichner Jacen Burrows widmet er sich abermals dem Thema H.P. Lovecraft, diesmal jedoch deutlich umfangreicher als zuletzt, so dass der Verlag Avatar Press das komplexe und noch nicht mal abgeschlossene Werk bereits als „Watchmen des Horrors“ betitelt.

(Copyright: Avatar Press)
Auch diesmal folgt Moore seinem ausschweifenden Puzzle-Mantra und konstruiert dabei deutlich mehr als eine schlichte Hommage an den König des amerikanischen Horrors. Vielmehr wirkt es wie eine Reflektion des Schaffens Lovecrafts, ein erneutes Aufflimmern seiner Geschichten in anderen Bildern, wobei der Teufel wie immer im Detail steckt. Hinter all den Anlehnungen versteckt sich dann auch noch eine Geschichte, die anfänglich beliebig wirken mag, jedoch alles andere als das ist.
Der junge Journalist Robert Black, New Yorker im Jahr 1919, Jude und homosexuell, gerät durch den Selbstmord seines Lebenspartners in eine Sinnkrise. Auf der Suche nach einer Story kommt er ins Gespräch mit einem gewissen Dr. Alvarez, der ihn auf die Spur eines okkulten Mythos bringt, eines verborgenen, abgründigen Amerikas, voller Geheimnisse und Schrecken.
Black beschließt daraus ein Romanthema zu machen und beginnt mit seinen Recherchen. Dabei jagt er einem arabischen Text aus dem achten Jahrhundert nach, bereist Neuengland und trifft auf Mitglieder und Ex-Mitglieder eines öminösen Okkultistenordens, wobei er sich immer mehr in bizarren Träumen verliert und über literarische Ideen in seinem u.a. als Tagebuch umfunktionierten Kollektariums säuselt.

(Copyright: Avatar Press)
Lovecrafts Bedeutung für die amerkanische Pop-Kultur ist immens, ist er doch neben Poe der bedeutendste Schriftsteller des Genres. Ob Film, TV, Comics oder Videospiele, überall ist Lovecraft zu finden. Von Hellboy über TV Serien wie True Detective oder der Spieleserie Silent Hill, Lovecraft hat das Bild des amerikanischen Horrors prägend verändert, fast schon revolutioniert. Und das spiegelt sich auch in Moores Providence wider (übrigens der Geburtsort Lovecrafts).

Der Kniff des Comics ist jedoch nicht die Story, sondern die Details die sich darin verbergen. Jede der enthaltenen vier Ausgaben dieses ersten Bandes widmet sich einer seiner Geschichten. Als da wären Kühle Luft, Schatten über Innsmouth, Das Grauen von Dunwich oder auch Grauen in Red Hook.
Ein Beispiel für die beinahe schon bessene Detailverliebtheit ist allein das Cover der ersten US Ausgabe (klick): auf dem Vordach des Hauses prangt die Nummer 317. Im Jahr 1925 lebte Lovecraft in der 317 West 14th Street New York, wo er die Geschichte Kühle Luft schrieb, die die Vorlage des besagten Heftes bildet. Diese Methode wird Panel um Panel stringent ausgeweitet. Wir treffen auf Figuren, Orte und Zitate Lovecrafts, die weit über den regulären Cthulhu-Mythos hinausgehen. Moore projiziert ein Bild des Autors selbst, seines Schaffens und seines Werdegangs, welches unseren Protagonisten auf seiner Reise durch Neuengland beinahe zum Gegenstand der Anlehnung selbst werden lässt.
(Copyright: Avatar Press)
Mit Providence versinnbildlicht Alan Moore seine Definition von H.P. Lovecraft als „Barometer der amerikanischen Furcht“, als Horror für den „weißen, heterosexuellen Mittelklasse-Protestanten“, der das Grauen in dem findet, was er sieht, wenn er aus dem Fenster blickt.
Wie bereits erwähnt arbeitete Moore schon zuvor mit Zeichner Jacen Burrows zusammen, welcher mittlerweile wie ein Aushängeschild des Avatar Press Verlages fungiert. Beide realisierten unlängst die deutlich weniger subtile Lovecraft Umsetzung Neonomicon, welche 2011 ebenfalls beim Panini Verlag erschien. Lobend erwähnen muss man an dieser Stelle auch die fabulöse Übersetzung von Gerlinde Althoff, welche sich schon seit Jahren als unverzichtbare deutschsprachige Wortgeberin Alan Moores präsentiert hat. Seine üblichen metatextuellen Wortspielchen und historisch akkurat recherchierten Begriffe machen ihren Arbeitsalltag sicher nicht gerade entspannter.
(Copyright: Avatar Press)
Ob Providence nun wirklich das „Watchmen des Horrors“ ist, möchte ich nicht beurteilen. Konzeptionell gesehen sind sich beide Werke zumindest nicht unähnlich. Und so großartig dieses Comic auch umgesetzt wurde, muss ich eine Empfehlung nur bedingt aussprechen, denn Providence eignet sich weder als Einstieg in die Bibliografie eines Alan Moore noch eines H.P. Lovecraft. Da gibt es deutlich günstigere Ansatzpunkte. Wer jedoch mit beiden vertraut ist, wird hier einen Stück Comickunst entdecken, mit dem man sich noch lange beschäftigen wird. Denn es ist größer als der Anschein vermuten lässt.

 

Bisher leider keine Leseprobe.


Titel: Providence #01
Verlag: Panini Comics 
Format: Softcover / lim. Hardcover
Vö-Datum: 09.12.2015
Originalausgaben: US Providence #01 – 04
Seitenzahl: 176
Sprache: Deutsch
Autor: Alan Moore
Zeichner: Jacen Burrows

Preis: 19,99 € / 39,99 €
„Only nothing is impossible.“ – Grant Morrison
Beitrag teilen?