Comic Review: Die Verwerfung – eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg

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Comics mit Kriegsthematik finden im europäischen Raum oft eine breite Leserschaft, vor allem wenn es um die beiden großen Tragödien des frühen 20. Jahrhunderts geht. Der aus Innsbruck stammende Künstler Lukas Kummer hat sich für seine Debütarbeit jedoch ein im Comic bisher deutlich weniger beleuchtetes Thema ausgesucht: den Dreißigjährigen Krieg.

Das beiendruckende Werk erschien jüngst im renommierten Zwerchfell Verlag und wird wohl in Zukunft noch des Öfteren von sich reden machen. Berechtigterweise, denn was der Mitte 20-Jährige hier veröffentlicht hat, ist eine der bedrückendsten Geschichten, die ich in den letzten Monaten zu lesen hatte.

(Copyright: Zwerchfell Verlag)
Johanna und Jakob sind ein Geschwisterpaar, das durch die Wirren des Krieges wandert. Sie ziehen durch die Lande und kümmern sich nur um das eigene Überleben. Ein durch Krieg, Gräuel, Hunger und Krankheit verzehrtes Land macht auch ihnen zu schaffen und die Dinge die die Beiden auf ihrem erbarmungslosen Pfad bezeugen müssen, haben das Potential auch das letzte Bißchen Menschlichkeit in ihnen selbst zu zerstören.
Sie kämpfen gegen den Hunger und die Kälte und versuchen dabei den vorbeiziehenden Soldaten und Plünderern aus dem Weg zu gehen, aus Angst ermordert oder geschändet zu werden. Aus diesem Grund verkleidet sich Johanna als Mann und lässt sich von ihrem jüngeren Bruder Harald nennen.

(Copyright: Zwerchfell Verlag)

Autor und Zeichner Kummer lässt die beiden Kinder wie eine Parabel auftreten: der kleine und unschuldige Junge Jakob, der die Welt noch durch seine naive Augen betrachtet und dabei versucht eine Erklärung für das ganze Leid der Welt zu finden, wobei dieser immer wieder in philosophische Monologe bzw. mehr oder weniger einseitige Dialoge verfällt.
Auf der anderen Seite steht seine Schwester Johanna, die mit der Welt längst abgeschlossen zu haben scheint und sich verroht ihrem Schicksal ergibt, dessen einziger Sinn und Zweck der Überlebenskampf ist. Sie stellt nichts mehr in Frage: es ist wie es ist und es war nie anders.

(Copyright: Zwerchfell Verlag)

Neben den minimalistischen Graustufen-Zeichnungen verleihen vor allem die Sprache, das Gespür für die damalige Zeit und das Schicksal der Kinder dem Comic ein unfassbare Schwere.
Es ist nicht der Krieg selbst den Kummer hier beschreibt, sondern die Auswirkungen des Krieges auf die Zivilgesellschaft, die erbärmlich zugrunde geht. Wenn bspw. eine alte Frau halbnackt im Schnee kauert und vor lauter Hungersnot auf ihren eigenenen abgefrorenen Zehen kaut oder die beiden Kinder sich ein Spiel draus machen, wer zuerst den nächsten Galgenbaum entdeckt, da diese ideal als Orientierungshilfe dienen, wird deutlich, dass die sozialen, gesellschaftlichen Verankerungen längst aus den Angeln gehoben sind.
In der Pop-Kultur des 21. Jahrhunderts sind es vor allem die postapokalyptischen Endzeit-Szenarien, die das Publikum in unterschiedlichsten Medien immer wieder faszinieren. Dabei vergessen wir nur allzu oft, dass unsere Vorfahren diese Zeiten schon dutzendfach durchlebt haben. Ein starkes Werk!

Bisher leider keine Leseprobe.


Titel: Die Verwerfung – Eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen krieg
Verlag: Zwerchfell Verlag 
Format: Hardcover mit Leinen
Vö-Datum: 15.12.2015
Originalausgaben:
Seitenzahl: 120
Sprache: Deutsch
Autor: Lukas Kummer
Zeichner: Lukas Kummer

Preis: 20,00 €
„Only nothing is impossible.“ – Grant Morrison
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