Kaffee & nen Klassiker #12: The Killing Joke – oder wie Batman den Joker tötete

https://3.bp.blogspot.com/-YmncEbx3eTA/Vt1xBDcgwFI/AAAAAAAADKQ/VgdU9iB7MXs/s1600/Batman_TheKillingJoke_Banner.jpg
(Copyright: DC Comics)
Ich hasse es krank zu Hause zu sein. Man liegt nur rum, suhlt sich im eigenen Elend und hat für nichts Energie. Mit letzter Kraft wird ein Stapel Comics in greifbarer Nähe an der Couch positioniert, Essens- und Flüssigkeitsvorrat angelegt und ab dafür: Welt ausblenden.
Mein Zu-Lesen-Stapel platzt aus allen Nähten, aber mir ist nicht danach. Ich habe Lust auf alte Sachen. Und da dieser Blog in diesem Monat seinen ersten Geburtstag feiert, gibt’s dazu die zwölfte mehr oder weniger regelmäßige Kolumne Kaffee & nen Klassiker. Für solch ein Jubiläum bedarf es natürlich einer besonderen Thematik, und was eignet sich da besser, als die Story in der der Joker den Tod findet? Den Tod durch Batmans Hand.

(Copyright: DC Comics)
Nach dem letzten Satz und vielleicht auch schon nach der Überschrift dieses Beitrags, dürfteft ihr Leser euch in drei Lager aufgeteilt haben: die, die zustimmend nicken, die, die denken „faaaaaaalsch!“ und die, die denken „wovon zum Teufel spricht der Typ?“
Alle drei haben ihre Berechtigung, denn hier geht es um eine Theorie. Und auch wenn Theorien nicht wahr sein müssen, denn dafür sind es Theorien und keine Tatsachenanalysen, verbirgt sich in ihnen meist ein Quäntchen Wahrheit… doch vielen Lesern ist diese Theorie noch nicht einmal bekannt: Batman: The Killing Joke ist die letzte Joker Story, das Ende des Harlekin des Hasses, der Tod des Namenlosen und somit auch das Ende der Fledermaus.
Die 1980er Jahre waren für DC Comics das reinste Renaissance Zeitalter und das hatte vor allem mit Batman zu tun. Die Zeit der Umbrüche, in denen Comics erwachsener, düsterer und ernster wurden. In der Summe publizierte der Verlag in diesen Jahren vier wichtige Batman Geschichten, die Gothams tapferen Vigilanten für immer verändern sollten: The Dark Knight Returns von Frank Miller, Batman: Year One, ebenfalls von Miller, Arkham Asylum: A Serious House on Serious Earth von Grant Morrison und eben Batman: The Killing Joke von Alan Moore. Eine Basis auf die sich noch heute Autoren berufen und so ist vor allem The Killing Joke seitdem ein Dreh- und Angelpunkt der Batman-Kontinuität.
(Copyright: DC Comics)
Für die tatsächlich unbefangen Comic-Enthusiasten, die diese Story noch nicht gelesen haben – und Leute, solltet ihr euch dazu zählen, ändert das schnellstens – sei gesagt, dass der Plot recht fix erklärt ist: Joker ist aus dem Asylum entkommen und bereitet einen großen Coup vor: er überfällt Jim Gordon in dessen Haus, wobei er Gordons Tochter Barabara (aka. Batgirl) niederschießt. Jim wird entführt und vom Joker auf dem Gelände eines runtergewirtschafteten Vergnügungsparks gefoltert. Bis letztendlich Batman eingreift und die Story zum dramatischen Höhepunkt aufläuft. Während alledem kommt es immer wieder zu Rückblenden, in denen die vermeintliche Vergangenheit des Jokers näher beleuchtet wird.
So sind es diverse Punkte des Plots die Autoren immer wieder aufgreifen und welche über die Jahre zu einem wichtigen Bestandteil der Batman Kontinuität geworden sind. Der Schuss auf Barabara, der sie letztendlich in den Rollstuhl schickte und zu Oracle werden ließ, hat bis heute Bestand. Und auch Scott Snyder bezog sich in seiner Zero Year Story auf die hier dargestellten Rückblenden, die eine potentielle Vergangenheit des Jokers wiedergeben. Eben, dass er als Teil der Red Hood Gang unterwegs war, aber nicht als der ursprüngliche Anführer der Bande und dabei als namenloser Gangster in den Chemietank bei Ace Chemicals fiel, was wahrscheinlich der Triggerpunkt war, der ihn zum Joker werden ließ.
(Copyright: DC Comics)
Auch wenn der bärtige Hexenmeister aus Northampton über die Jahre eine eher unbefriedigte Einstellung – böse Zungen witzeln gar schon über dissoziative Wahrnehmung – gegenüber seinem eigenen Schaffen entwickelt hat (Quelle), was sich wohl in erster Linie auf seine Arbeiten für DC und Marvel erstreckt, ist The Killing Joke bis heute ein Paradebeispiel für bedeutungsschwangere Symbolik im Superhelden Comic. Ja, ja, Watchmen. Alles gut, bleibt cool.
Der Protagonist gegen den Antagonisten, beide Figuren fungieren als Spiegelbild und wie der Name des Comics es verlautbart – The Killing Joke – geht es um den letzten Witz, das Ende des Clowns:
Ich habe viel nachgedacht. Über dich und mich. Darüber wie es mit uns enden wird. Wir werden einander töten, nicht wahr?
Die Worte die Batman gleich zu Beginn der Geschichte an den vermeintlichen Joker richtet, die Gedanken, die ihn seit langer Zeit quälen und wegen denen er nun ins Asylum gekommen ist, um reinen Tisch zu machen. Im Verlauf des Comics wird diese Intention immer wieder aufgegriffen, doch das Zentrum der Diskussionen bildet wohl die letzte Seite der Geschichte, im Zusammenhang mit dem letzten Witz des Jokers:
(Copyright: DC Comics)
Zwei Irre in einem Irrenhaus wollen fliehen. Sie steigen auf’s Dach und wollen mit einem Sprung das nächste Gebäude erreichen. Der erste Typ springt und ihm gelingt es problemlos, der Zweite jedoch hat Angst. Da sagt der Erste: „Ich habe eine Taschenlampe! Ich leuchte über den Abgrund und du kannst auf dem Strahl rüberlaufen!“ Der Verängstigte schüttelt mit dem Kopf und meint: „Glaubst du ich bin Irre? Du würdest sie ausmachen, wenn ich halb drüben bin!“ Im Anschluss fangen Joker wie auch Batman an zu lachen und das Comic endet in kryptischen Bildern.
Stein des Anstoßes der Diskussion war wohl ein Podcast-Gespräch zwischen Kevin Smith und Grant Morrison (dieses hier), in dem Morrison deutlich machte, dass seiner Meinung nach Batman dem Joker hier im drittvorletzten Panel das Genick bricht. Beide Figuren lachen und man sieht das Gelächter wie auch die Sirene des anrauschenden Polizeiwagens textlich dargestellt, bis das Gelächter auf einmal verstummt und nur noch die Sirene tönt, bis letztendlich Stille eintritt. Nach Morrison ist dies auch die Grundlage für den Titel: der Joker erzählt den „Killing Joke“ und verliert am Ende sein Leben.
Dr. Julian Darius von der Sequart Research and Literacy Organization stimmt mit Morrison zwar über das „Ob“ überein, jedoch nicht über das „Wie“. Seiner Meinung nach bricht Batman dem Joker nicht das Genick, sondern vergiftet ihn mit dessenen eigner Giftspritze, die der Joker für gewöhnlich in der Handfläche versteckt und die ihm einige Seiten zuvor von Batman aus der Hand getreten wurde. Für Darius sind dabei zwei Szenen ausschlaggebend: einmal als Batman mitten im Zweikampf mit dem Joker fast schon abwesend in seine Hand starrt – um dabei Jokers Spritze in seiner eigenen Hand zu platzieren – und außerdem das mittlere Panel der letzten Seite, in der Batman seinen Arm Richtung Joker ausstreckt. Dies würde auch den Morrison Kritikern – Achtung, Wortwitz – in die Hände spielen, die der Meinung sind, dass Batman hier ganz offensichtlich seine Hand nicht am Genick des Jokers hat. So könne man die Szene laut Darius auch so deuten, dass Batman ihm die Spritze direkt in die Brust rammt.
(Copyright: DC Comics)
Bei all den Theorien muss man jedoch nicht nur das „Ob“ oder das „Wie“ diskutieren, sondern vor allem das „Warum“. Warum sollte Batman den Joker töten? Zum einen ist da der Grundgedanke, den Moore durch die gesamte Ausgabe zieht: dass Batman den Joker mit der Intention konfrontiert, dass die Geschichte irgendwann ein Ende haben muss, wobei einer von beiden sterben wird. Kritiker dieser Theorie verneinen diese mit der Begründung, dass Bruce nach dem letzten Dialog mit Jim Gordon, in dem Gordon Batman dazu auffordert, den Joker so zu fassen „wie es das Gesetz verlangt“, demnach ihn nicht einfach zu ermorden, den Joker niemals töten würde. Die Kritiker schließen daraus, dass es praktisch out of character wäre, wenn Batman seinen Kodex in dieser Situation verletzen würde.
An diesem Punkt kann man jedoch die Gegenthese in den Raum werfen und sich fragen: warum sah Gordon sich genötigt dies überhaupt zu erwähnen, wo er doch von Batmans Kodex wusste? Eben weil er wusste, dass der Joker mit dem Attentat auf Barbara zu weit ging und selbst Batman nicht mehr eindeutig davor gefeit sei, diese letzte Grenze nicht zu überschreiten.
(Copyright: DC Comics)
An weiterer interessanter Punkt ist die Analogie des vom Joker erzählten Witzes. Dieser steht selbstverständlich für die Story des Comics selbst, wobei die beiden Irren, die aus der Anstalt fliehen, jeweils Batman und den Joker symbolisieren. Wenn Batman der erste der beiden Irren ist, der, der den Sprung schafft und dem Irrenhaus entkommt, somit der, der dem Wahnsinn der Situation entkommt… dann ist der Joker der zweite Irre, der sich fürchtet und Angst vor der Hilfe hat, die der Erste ihm anbietet. Die Hilfe: der geleuchtete Pfad in die Freiheit und die Angst, dass der Helfende ihn beim Beschreiten des Weges im Stich ließe.
Schaut man sich die letzte Seite des Comics an (siehe oben), so symbolisiert der Scheinwerferstrahl des Polizeiwagens in der Regenpfütze den leuchtenden Pfad, der beide Figuren trennt, wobei dieser Pfad in den letzten Panels durchbrochen wird, bis er gänzlich verschwindet.
Möchte man an dieser Stelle einer der Batman-tötet-den-Joker-Theorien Glauben schenken, hätte Moore die ultimative Batman-Joker-Story und somit das Ende der Geschichte erzählt. Denn mit dem Überschreiten des Kodex, wäre das Konzept des Batman am Ende angelangt. Hier stellt sich natürlich die Frage nach der Kontinuität, wie soll das in den regulären Batman-Kosmos passen, wo doch so viele Elemente aus der Geschichte bis heute Kanon sind?
An diesem Punkt macht es sich der Verlag sehr einfach oder besser gesagt, einfach weniger kompliziert und nutzt das offene Ende und die Interpretationsmöglichkeit für sich aus und negiert einfach, dass Batman den Joker getötet haben könnte. Denn letztendlich, und von dieser Seite muss man es auch betrachten, sind dies lediglich Theorien und kein offensichtlicher Fakt, denn genauso gut könnte sich Batman in der letzten Szene zusammen mit dem Joker den Arsch ablachen und auch das würde von der Story her Sinn ergeben, wobei dies deutlich weniger Würze haben würde.
(Copyright: DC Comics)
Ihr, liebe Leser, müsst euch also selbst den Kopf zerbrechen, wie ihr das Ende interpretieren wollt. Wobei euch Kopfschmerzen, wie bei unserem Bats hier oben, wohl schon vorbestimmt sind. Schreibt mir eure Meinung dazu. Stellt sie hier als Kommentar rein oder postet sie auf Facebook und lasst mich wissen, wie ihr das Ende verstanden habt.
In meinen Augen ist The Killing Joke noch immer eine der besten und interessantesten Batman-Storys überhaupt, was durch das Spektrum der Interpretationsmöglichkeiten nur noch untermauert wird.
Den jüngeren Lesern unter euch sei gesagt, dass man sowohl ein Auge auf die neukolorierte Version von Panini, als auch auf  die Originale werfen sollte. Beide haben ihren Reiz. An der Geschichte vorbei kommt ihr sowieso nicht. Dafür ist sie zu gut… und zu wichtig.

 

Eine Leseprobe gibt es hier.

Titel: Batman: The Killing Joke (Deluxe Edition)
Verlag: Panini Comics 
Format: Softcover
Vö-Datum: 22.08.2008
Originalausgaben: US Batman: The Killing Joke, Batman: Black & White #04, Batman Annual #11, Batman #01
Seitenzahl: 100
Sprache: Deutsch
Autor: Alan Moore, Brian Bolland & Bill Finger
Zeichner: Brian Bolland, George Freeman & Bob Kane

Preis: 12,99 €
„Only nothing is impossible.“ – Grant Morrison
Beitrag teilen?