Jim Shooter teilt gegen Marvel aus: „Captain America ein Nazi? Wollt ihr mich verarschen?“

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Jim Shooter teilt gegen Marvel aus: „Captain America ein Nazi? Wollt ihr mich verarschen?“

Zwischen 1978 und 1987 war Jim Shooter Chefredakteur bei Marvel und ist darüber hinaus selbst ein altgedienter Autor der Branche. Doch die besagten Jahre in denen Shooter das kreative Zepter im Haus der Ideen schwang, gelten bis heute zu den finanziell erfolgreichsten Jahren des Verlages. In einem Interview mit dem Magazin AiPT! teilte Shooter nun jedoch gewaltig gegen seinen früheren Arbeitgeber aus.

So sagte er im Wortlaut:

Ich denke, sie haben vergessen, in welchem Business sie tätig sind. Ich denke aber auch, dass es da draußen einige brillante Talente gibt. Allein, wenn du durch die Hefte blätterst, sind die Bilder einfach traumhaft. Doch manchmal erzählen sie die Story nicht so gut, wie sie sollten, manchmal designen sie einfach Seiten für Werbungen für Veranstaltungen wie diese - das Interview fand während der Rhode Island Comic Con am vergangenen Wochenende statt - und denken dabei nicht wirklich über den besten Weg nach, wie eine Story zu erzählen wäre. Ich kann nicht viel über das Geschriebene sagen. Es gibt brillante Autoren wie Mark Waid, die immer etwas großartiges zaubern, doch vieles da draußen ist recht aufgeblasenes Storytelling. [...]“

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Jim Shooter auf der Phoenix Comic Con 2017 (Copyright: Gage Skidmore)

So geht er weiter auf das Storytelling ein:

Sie brauchen ewig um eine Story zu erzählen. Wofür Stan Lee sechs Seiten benötigte, brauchen sie heute 6 Monate. Wenn du dir die Verkäufe anschaust, sind Marvel Comics mittlerweile bei 4 US Dollar pro Heft angekommen und sie flippen aus, wenn sie mehr als 30.000 Einheiten pro Monat verkaufen. Als ich noch bei Marvel war, war die Welt eine andere. Wir hatten nicht einen einzigen Titel - und in der Summe waren es 75 aktive Reihen - welcher unter 100.000 Einheiten verkauft wurde. Wir hatten die X-Men, welche bis zu einer dreiviertel Million verkaufte Einheiten erreichten. Und das waren keine speziellen Nr.-1-Ausgaben oder Hefte, in denen eine Figur starb oder Kostüme geändert wurden oder jemand heiratete, usw... es war einfach immer so. [...]“

Weiter äußert sich Shooter zur Verkaufspolitik:

Heute gibt es unzählige Variants und Gimmicks und sie übersehen dabei genau das, worum es eigentlich gehen sollte. Die Leute fragen: ‚was bietest du an?’ Erzähl einfach eine gute Geschichte und erzähl sie gut. [...] Es gibt genug talentierte Leute da draußen und genug, die wissen damit umzugehen. [...] Ich versuche den jüngeren Talenten zu helfen und predige immer wieder: Story, Story, Story! Vor meiner Zeit war es wie bei den Seifenopern, denn die Geschichten dauerten ewig. Sicher, irgendwann gab es eine Auflösung, aber letztendlich liefen sie ewig. Ich sagte immer, die Leute kaufen dies um sich unterhalten zu lassen. Es sollte also eine Story enthalten sein!“ [...]

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Im weiteren Interview-Verlauf kam man noch auf das künftig auch bei uns in Deutschland startende Event „Secret Empire“ zu sprechen:

Captain America ein Nazi? Wollt ihr mich verarschen? Jack Kirby dreht sich im Grabe um. Joe Simon wird aus seinem Grab auferstehen und all die Verantwortlichen dafür töten. Dies alles ist so falsch und und so weit von dem entfernt, was die Erfinder der Figur mit ihr bezweckten. [...]“

und ergänzte:

[...] Als ich ein Kind war, konnte ich es kaum erwarten, was im nächsten Monat mit Spider-Man passieren würde. Ich gab einen Scheiß darauf, ob das Cover irgendwie geprägt war (Foil-Embossed-Cover), denn sowas gab es nicht. Es geht nur um die Leser und ihre Liebe zu Spider-Man, ihre Liebe zur Figur und darum, wissen zu wollen, was mit ihr passieren würde. Wenn die Leser eine Ausgabe verpassen würden, ohne, dass es sie groß interessiert, hast du bereits verloren.“

(Picture Copyright: Marvel / Foto: Gage Skidmore)

„Only nothing is impossible.“ - Grant Morrison

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Christoph
Gast

Ich bin in fast allen Punkten mit Jim Shooter einer Meinung. Aber eine gute Story benötigt auch den entsprechenden Platz um erzählt werden zu können. Sonst läuft der Autor Gefahr oberflächlich zu bleiben. Da können die Zeichnungen noch so gut sein. Ein jüngeres Beispiel für ein derartiges Storytelling sind die letzten Mark Millar Bände (Empress und Reborn). An sich sind das tolle Geschichten. Jedoch fällt ihnen der Raum für Entfaltung, da sie auf eine maximale Länge konzipiert sind. Bei manchen Geschichten mag das reichen, bei diesen jedoch nicht.