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Kante zeigen: Was Grafische Literatur uns gelehrt hat – zum großen Dank!

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Kante zeigen: Was Grafische Literatur uns gelehrt hat – zum großen Dank!
© Nils Oskamp

Ein Text von: Filipe Tavares, Beatrice Tavares, Sven Jachmann, Jörg Faßbender, Sarah Burrini, Nils Oskamp, Matthias Penkert-Hennig, Andreas Wolf & Emanuel Brauer

Veröffentlicht im Magazin Alfonz 03/2021. Im Original-Layout hier zu lesen.


Der Text wird bisher durch folgende Personen namentlich unterstützt (Stand: 13.07.2021):

Kaydee Artistry, Lars Banhold, Florian Biege, Thorsten Brochhaus, Sascha Dörp, Udo Erhart, Hamed Eshrat, Mario Faust-Scalisi, Naomi Fearn, Florian Fraunholz, Nadine Fraunholz, Kristina Gehrmann, Dennis Gröschke, Jeff Hemmer, Max Hillerzeder, Eve Jay, Tony Kadoch, Kami (Ludwig Wallner), Nic Klein, Reinhard Kleist, Chris Kloiber, Andreas C. Knigge, Dennis Lehmann, Daniel Lieske, Christin Matthes, Fabian W. W. Mauruschat, Mawil (Markus Witzel), Henning Mehrtens, Mille (Michael Möller), Stephan Oberländer, Martina Peters, Henning Arno Pöplau, Andreas Rauscher, Carolin Reich, Ingo Römling, Marc Schmitz, Michael Schneider, Arne Schulenberg, Simon Schwartz, Véronique Sina, Ralf Singh, Moritz Stetter, Fabian Stoltz, Gregor Straube, Olivia Vieweg, Andreas Völlinger, Lukas R.A. Wilde

Wer den Text darüber hinaus namentlich unterstützen möchte, wendet sich bitte an info@comic.de.


Kante zeigen: Was Grafische Literatur uns gelehrt hat – zum großen Dank!

In [ihrer] letzten Ausgabe [2/2021] sah sich die ALFONZ-Redaktion berufen, einen Kommentar von Peter Lau abzudrucken. Dieser reagierte auf eine Welle der Empörung, die sich an einem Beitrag im Fachmagazin COMIXENE entzündete und von den Reaktionen des Herausgebers noch verstärkt wurde.

Der Auslöser für den Protest dürfte für Personen mit einem humanistisch-demokratischen Selbstverständnis so simpel wie nachvollziehbar sein: Der COMIXENE-Herausgeber hatte einem Comic-Verlag, der mit dem mittlerweile auch vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingeordneten und daher beobachteten Unterstützerverein für rechte Umtriebe »Ein Prozent« verknüpft ist, eine Bühne gegeben. Erschwerend kommt hinzu, dass der Herausgeber im Vorfeld mehrfach konkret auf diesen Hintergrund und so auf die Beihilfe zur Salonfähigkeit hingewiesen wurde.

Doch alle wohlwollenden Zurufe wurden ignoriert, was Langzeitbeobachter:innen aber kaum überrascht hat, da sich der Herausgeber auch schon bei anderen Themen mit anachronistischer Sprachpflege als politischer Überzeugungsstäter gezeigt hatte.

Umso erstaunlicher dann nur noch der Kommentar von Peter Lau. Schon nach wenigen Zeilen entsteht der Eindruck, mensch liest ein Verteidigungsplädoyer und wird entsprechend in ein Gerichtsverfahren hineingezogen (in dem mensch sich, ehrlicherweise, natürlich schon seit dem ersten »J‘accuse« gegen den »angeklagten« Herausgeber bewegte): Einstieg mit den bisherigen Leistungen des Angeklagten für die Community (unbestreitbar, aber, tja, gute Taten vor einer Straftat feien nicht vor einer Verurteilung), ein paar Verschwörungsgedanken, die den Konflikt gänzlich verfehlen und den augenscheinlichen Auslöser mit einem komplexen globalen Überbau verknüpfen (das Begriffsarsenal ist beachtlich und recht international: Putin, Trump, Brexit, Trolle, Bots, zentrale Weltmacht), Appell, dass der Angeklagte ja auch nur ein Mensch sei, keine Zeit für eigene Recherchen hatte und bestimmt auch von niemenschen gewarnt wurde (ist widerlegt), Schelte gegen die »sozialen Medien«, die keine Orte für »richtige Diskussionen«, sondern eh primär an gesellschaftlicher Spaltung, Verrohung, Desinformation und Hass schuld seien (nicht etwa konkrete Personen und deren ideologischer Antrieb) und schließlich noch ein expliziter Großangriff auf die Integrität der »Ankläger:innen«, diese handelten aus Neid auf die altehrwürdigen Diskursführer der Community und/oder seien als Dauergäste am beruflichen Abgrund gemäß dem Diktat der Aufmerksamkeitsökonomie gezwungen, ein wöchentliches Soll an Empörung zu leisten (wir haben ja sonst nichts zu tun) – dass übrigens auch das Magazin Comics & Mehr kurz darauf sogar eine Anzeige (!) jenes Verlages abdruckte, sich nach öffentlicher Kritik aber direkt und klar distanzierte (Unwissenheit zugegeben, Anzeigengeld gespendet, Wiederholung ausgeschlossen) und so der Protest sofort aufhörte, wird übrigens nicht erwähnt.

Wäre am Ende dieser ganzen Schachzüge also noch explizit auf »Freispruch« plädiert worden, hätte das kaum überrascht, doch so weit wollte der Verfasser dann wohl doch nicht gehen.

Nun ist ein fairer Prozess Voraussetzung einer Demokratie. Wir, also jene, die im Kommentar mehr oder weniger offen als Ankläger:innen adressiert werden, lassen nichts an dieses Recht rankommen und haben es daher trotz allem begrüßt, dass jemensch freiwillig bereit war, die »Verteidigung« des Angeklagten zu übernehmen.

Nicht demokratisch hingegen war es bisher, dass es kein »Gegenplädoyer« gab. Es wäre für jeden Angeklagten natürlich stets ganz wunderbar, wenn nur seine Verteidigung zu Wort käme, aber so funktioniert das eben nicht.

Wie dargelegt finden wir die »Verteidigung« nicht überzeugend. Vor allem der Vorwurf an die Ankläger:innen, die eigene Stimme hier nur monetisieren zu wollen, überspannt jeden Bogen und offenbart lediglich, dass mit allen Mitteln vom eigentlichen Konflikt abgelenkt wird: Der Angeklagte hat einem Verlag, der offen anti-humanistische und anti-demokratische Visionen in seinen Publikationen verbreitet, eine Bühne gegeben.

Daraufhin haben selbst einige der bis dahin wohlgesinnten Unterstützer:innen des Fachmagazins, die prinzipielle Probleme mit besagten Visionen haben und entsprechende Verlage bereits boykottieren, konsequenterweise auch zum Boykott eben jener Bühne aufgerufen, so lange keine echte Reflexion und Abgrenzung zu erkennen sei. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer jetzt sagt, dass dieses »Mit-dem-Finger-auf-Personen-zeigen« und Boykottaufrufe doch den Methoden jener so verhassten Nazis ähneln, der übersieht den feinen Unterschied: Die genannten Methoden, die im Übrigen keine neue Erfindung der digitalen Ära sind, werden für das genaue Gegenteil eingesetzt. Auf der einen Seite, um Humanismus und Demokratie zu zerstören, auf der anderen, um diese zu verteidigen. Somit stellt sich gar nicht mehr die Frage, ob oder inwieweit diese Methoden in Ordnung sind oder wie oft sie zum Einsatz kommen dürfen. Es stellt sich lediglich die Frage, auf welcher Seite jede:r Einzelne steht bzw. stehen will.

Es braucht sich also niemensch mehr wundern, dass der Teil der Comic-und-Manga-Community, der humanistisch-demokratische Grundwerte lebt, auch in Zukunft auf zuwiderlaufende Verlage und alle, die diesen Verlagen als Steigbügelhalter dienen, mit allem Widerstand reagieren wird – ohne zu zögern und auf allen Kanälen.

Und wer sich jetzt fragt, warum die Toleranzgrenze so niedrig ist und jede Kompromissbereitschaft fehlt, woher dieser Wille zur Konfrontation kommt und ob dies hier noch ein »Gegenplädoyer« oder nicht bereits ein »Manifest« sei, jene:r sollte sich einmal die Anfänge der Superhelden-Figuren vergegenwärtigen, Spiegelmans Maus lesen, Cruses Stuck Rubber Baby, Kuberts Yossel, Nakazawas Barfuß durch Hiroshima, die Bücher von Will Eisner, Rutu Modan und Liv Strömquist, und überhaupt einfach mehr unterschiedliche Werke der Grafischen Literatur. Vielleicht geht ja der:m einen oder anderen dann ein Licht auf!


Das vom Alfonz Magazin für die Erstellung des Textes gezahlte Honorar wurde durch die beteiligten Autor:innen aufgestockt und in der Summe an den Comic Soldarity e.V. gespendet.

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10 Kommentare
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Rainer Halkamp
Rainer Halkamp
11. Juli 2021 15:14

Gut so. Keinen Schritt zurück. Macht weiter so und zeigt es auch!

Marc Stoll
Marc Stoll
11. Juli 2021 8:34

Ein gute Reaktion und ein toller Kommentar. Danke für euer Rückgrat gegen den braunen Abschaum.

RicoS
RicoS
11. Juli 2021 13:05
Antwort auf Kommentar von  Marc Stoll

Richtig. Mehr braucht man dazu nicht zu sagen!!!

Frank Klein
Frank Klein
10. Juli 2021 6:05

Mir fällt dazu eigentlich nur ein, dass, wäre schon in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Öffentlichkeit gegen Hugenberg und sein rechtes Mediennetzwerk aufgestanden, dann hätte Hitler vielleicht nicht die Bühne gehabt, sein „Gift“ in die Herzen und Köpfe zu bringen. Die Frage ist also nicht, ob ein Angriff zu früh, zu heftig oder zu hart ist, die Frage ist allein, wollen wir den Nazis wieder eine Öffentlichkeit und eine Bühne bieten, auf der sie agieren und ihre Ansichten gesellschaftsfähig machen können oder wollen wir das nicht. Und an diesem Punkt kann es für Demokraten keine zwei Meinungen geben, hier gilt nur eins „nie wieder“!!!!

Herrraeuberzauber
Herrraeuberzauber
9. Juli 2021 16:40

Danke - einfach Danke!

Nadine
Nadine
9. Juli 2021 17:44
Antwort auf Kommentar von  Herrraeuberzauber

Dem schließe ich mich an 🥰

IGoRealII
IGoRealII
9. Juli 2021 14:46

Gibt es den Kommentar von Peter Lau online zu lesen? Die Comixene macht Hofberichterstattung für Nazis und der verteidigt das? 😳 Das will ich sehen! 🤣🤣

Alfie
Alfie
9. Juli 2021 14:34

Den (mal wieder) verbalen Ausfall des Herrn Lau hab ich auch gelesen. Freut mich, dass ihr darauf reagiert habt. Halbwahrheit und Beschönigungen sollten nie so stehen gelassen werden.

Mike
Mike
9. Juli 2021 14:24

Sehr gute Aktion! Danke fürs Kante zeigen!